Mirko Joerg Kellner

Fotograf, Künstler
geboren am 19. März 1974 in Dresden

 

Als ich ein kleiner Junge war… Mit diesen Worten von Erich Kästner möchte ich beginnen. Für mich war noch ein Dresden selbstverständlich, in dem Kriegsgeschichte an zerstörten und schwarz-verrußten Fassaden geschrieben stand. Das war Anfang der 80er Jahre. Natürlich empfand ich das nicht als störend. Ich kannte es nicht anders und es war das Normalste der Welt für mich.

Ich bin gerne mit der „Vier“ gefahren. Ein grelles Quietschen kreischte, wenn die Straßenbahn um die Kurven fuhr. Vorbei am morbiden Zwinger, am zerstörten Residenzschloss und der Semperoper, die hinter einer Bauabsperrung versteckt war – glaube ich. Die Nase an der kalten Fensterscheibe, dann mit meinem warmen Atem die Scheibe angehaucht und vernebelt – Bilder wie in einem Traum. Das schicke und aufgeräumte Dresden von heute war damals alles andere als vorstellbar. Aus heutiger Sicht wird klar, wie unglaublich diese Metamorphose gewesen ist.

Mein Liebling war immer der Zwinger, und immer hatte ich Bilder im Kopf. Aber eine Kamera besaß ich nicht. Die Erinnerungen an meine Kindheit in der alten Dresdner Innenstadt haben sich über die Jahre mit der stetig verändernden Realität vermischt. Die Dramaturgie der Alten Meister hat mich dabei immer begleitet – schon als kleiner Junge. Ich war besessen von alten Mauern, Burgen, Schlössern und den bizarren „Rubensmenschen“, die in gedämpftem Licht auf ihrer Leinwand wohnten. Wie will man solche Bilder in Worte konvertieren? Verletzlichkeit, Geheimnis, Zerstörung, Schönheit, Angst, Freude, Traurigkeit, Anmut, Kontrast…? Besser, ich bleibe bei meinen Bildern, in meiner eigenen Welt.

„Zwischen Traum und Zeit“. Ein Bildzyklus, der aus meinen sentimentalen surrealen Erinnerungen und Erlebnissen heraus entstand und sich noch vor seiner Entstehung als stilprägend herausstellte. Abstrakte Dresdner Ansichten, abseits des kitschigen Postkartenidylls, das es für mich nie glaubhaft gab. Ich habe Dinge immer anders gesehen, man könnte sagen mit links. Denn auch mein Blick durch den Sucher geschieht ungewöhnlicherweise mit dem linken Auge.

Das Fotografieren war mir nicht in die Wiege gelegt. Aber das sehen von Bildern. Erst spät fing ich an zu fotografieren, mit Anfang Zwanzig. Die Bilder von damals haben mich stets begleitet, und sie tun es noch immer. Viele meiner Charakter-Portraits und Kunstfotografien tragen nun meine geliebte glückselige Melancholie und intensive Neugier nach porentiefer außergewöhnlicher Schönheit. Konkret abstrakt, präzise surreal. Ich kann und will mich nicht festlegen lassen, egal in welchem Genre ich mich gerade bewege. Dennoch ist mein Blick immer der des Porträtfotografen; fixiert auf das wesentliche Detail, den Kern hinter der Fassade.

Meine Wege führten mich vor diesem Hintergrund auch immer wieder in andere Länder. Insbesondere Italien und Frankreich faszinieren mich und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ich dort zahlreiche Reisereportagen und Aufträge für Interieurfotografie angenommen habe. Das Licht und das Stilempfinden der Menschen dort ist herausragend und außergewöhnlich, voller Spannung, so wie die Menschen selbst.

Porträts beeindruckender Persönlichkeiten tragen heute meine Handschrift: Suzanne von Borsody, Sky du Mont, Stephanie Stumph, Jeanette Biedermann, Dominique Horwitz und viele andere durfte ich dazu bewegen, mir bewusst oder unbewusst die Essenz ihrer eigenen inneren Bilder zu zeigen, um sie zu meinen zu machen. „Seine Bilder sind nicht einfach schön. Sie haben ihre ‚Schönheit‘, weil Ehrlichkeit vor und hinter der Kamera arbeitet“, sagte der Schauspieler Wolfgang Stumph einmal.